Die alte sächsische Handelsmetropole ist so modern wie nostalgisch, so saniert wie baufällig, so kulturell wie kriminell, so lebendig wie tot. Eine ganz normale Großstadt eben. Oder doch nicht?
In den Nachrichten liest man von »Hyp(e)zig«, von den vielen jungen Menschen die die Stadt inzwischen viel cooler finden als Berlin. Man liest von Wirtschaftsprojekten und Bauboom. Zeit also, mir selbst ein Bild zu machen.
Lange war ich nicht hier und verlängerte daher die Geschäftsreise um einen privaten Tag. Zwei Erkenntnisse fanden sich ein.
1) Ja, Leipzig boomt. Baustellen ohne Ende, ich sah (und hörte) Immobilienmenschen, die sich beim Mittagessen ungeniert über ihr nächstes großes Ding unterhielten (»Die Stadtverwaltung wird das Projekt in den nächsten zwei Wochen abnicken.«…). Immer mehr junge Menschen aus allen möglichen Gegenden leben, studieren, arbeiten hier. Leipzig ist wieder(?) zur größten Stadt Sachsens geworden, die Dresdener finden das nicht so schön.
2) Die andere Seite. Nur wenige hundert Meter außerhalb der Innenstadt, in Sichtweite der Kräne, stehen Häuser die aussehen als könnten sie jeden Moment in sich zusammenstürzen. Und wer sich als Nicht-Einwohner in die Oststadt traut, erlebt ein Leipzig das fast so aussieht wie in den 80er Jahren. Dort (und manchmal auch in der Innenstadt) trifft der geneigte Besucher auch alteingessene Leipziger, die jenseits aller Nostalgie ganz andere Geschichten über ihre Stadt erzählen. Von immernoch ungeklärten Eigentumsverhältnissen (zu deutsch: Erbstreitigkeiten) ist da die Rede, die eine Sanierung der Häuser verhindern, manchmal bis dieselben einfach einstürzen wie vor kurzem in der Eisenbahnstraße geschehen. Die anschließende einwöchige Straßensperrung (inkl. Umleitung einer Straßenbahnlinie) ging »natürlich« auf Kosten der Stadt, also ihrer Einwohner.
Leipzig, eine ganz normale Großstadt also. Liebenswert und schuldig.

Den Fotografen in mir hat noch eine andere Facette der Stadt begeistert. In früheren Zeiten, als Leipzig schon einmal eine internationale Handelsmetropole war, bauten sich die reichen Handelsherren ihre Geschäftshäuser mitten in die Stadt (wie heute auch wieder…). Schön daran finde ich heute noch ihre Hauszeichen, die mal protzig, mal stilvoll, vom Stolz ihrer Besitzer zeugen. Heutige Hausherren sind da ebenso namens- wie einfallslos. Ein Teil meiner Leipzig-Bilder zeigt daher »nur« Schriftzüge. Ich hoffe, ihr könnt mir das verzeihen…

30. Juni 2014