Nahedran

Vom guten Leben

Frühstück

Wer mich kennt weiß, das ich weder große Städte noch Menschenansammlungen mag, also eher ungeeignet fürs urbane Leben bin. Dennoch lebe ich in einer großen Stadt mit vielen Menschen, auch wenn ich Zentrum und Massenveranstaltungen meide. Heute jedoch passierte etwas, was in diesen merkwürdigen Zeiten vielleicht nur noch Großstadtmenschen zuwege bringen. Ein paar von ihnen fanden sich zusammen, luden Nachbarn und Freunde zu sich ein und baten alle anderen Menschen im Viertel, das Gleiche zu machen. Stühle und Tische auf die Straßen zu stellen, gemeinsam zu frühstücken oder was auch immer zu tun, was Menschen so einfallen kann. Das Motto hieß: »Der Tag des guten Lebens«. Und diese zunächst wenigen Menschen schafften es sogar, diesen Sonntag als autofreien Tag durchzusetzen. Damit endlich einmal Platz für wirkliches Leben im Viertel sei.
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Und wisst ihr was, es wurde ein wunderschöner Tag. Die Leute saßen auf Bierbänken, Plastikhockern oder alten Sesseln, aßen und schwatzen. Die einen lernten sich heute erst kennen obwohl sie seit Jahren in derselben Straße wohnen, die anderen verlegten ihr übliches Sonntags-Backgammon-Spiel nach draußen.
Manche luden sich Musikanten ein oder machten einen kleinen Flohmarkt auf. Andere spielten oder malten mit den Kindern der Nachbarn. Mitten auf der Straße.
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Die beiden größten Straßen des Viertels wurden zur Bühne der Hilfsvereine für alles Mögliche, was logisch war. Denn dieser Tag zog auch etliche Besucher aus anderen Stadtteilen an, die sich mangels Ortskenntnis vorwiegend entlang der großen Achsen bewegten.
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Die schönsten Szenen boten aber die kleinen Nebenstraßen.
Dort haben wir nicht nur hervorragend gefrühstückt, sondern auch wunderschöne Innenhöfe kennengelernt und andernorts erfahren, was es moralisch und finanziell bedeutet ein 9-Parteien-Haus per Blockheizkraftwerk mit Strom und Wärme zu versorgen. Spannnend.
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Die Künstler des Viertels legten sich naturgemäß besonders in Zeug. Schließlich versuchen sie das ganze Jahr über Leben in die Straßen (und Kneipen) zu bringen. Da ist ein solcher Tag wie gemacht für sie. So wurde nach Kräften gesungen und gelesen, gemalt und getrommelt. Und endlich einmal zur Freude der Nachbarn.
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An diesem wunderbaren Tag war nur eine Gruppe von Menschen in diesem Viertel zu bedauern. Die, teils professionellen, teils ehrenamtlichen Straßenposten, welche dafür sorgen mussten das auch tatsächlich kein wildgewordener Autofahrer ihre Sperren passierte. Ich hab den Jungs an meiner Ecke zum Feierabend ein Bier ausgegeben.
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Solche Tage sind selten. Das mag mancher schade finden. Ich denke es ist besser (und kaum anders möglich) einmal im Jahr diese Art des urbanen Lebens »von unten« zu feiern als gar nicht. Und wer weiß, vielleicht entsteht aus solchen Begegnungen ja wirklich die eine oder andere echte Nachbarschaft. Ich habe diesen Tag genossen und freue mich schon auf den nächsten.
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Ab Nachmittag hat es übrigens stundenlang geregnet. Aber nicht einmal das hat irgendwen gestört. Auch ein gutes Zeichen, finde ich.

  1. Das sieht ja toll aus!
    So private Nachbarschaftsaktivitäten sind immer wieder erfrischend, nur zu selten.
    Es weckt bei mir Erinnerungen an längst vergangene Zeiten!
    1974-76 wohnte ich in der Siebengebirgsallee.

    LG Hagen

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