Es ist Anfang November, kurz vor Mitternacht und ich sitze an einem Computer der nicht meiner ist, sondern vom Auftraggeber gestellt. Ich arbeite freiwillig ein paar Projektaufgaben ab, die ich tagsüber nicht geschafft habe. Niemand wird mir diese Stunden bezahlen. Dennoch sind sie wichtig genug, um meine Aufgaben in diesem Projekt zu erfüllen. Und, diese Stunden sind mir lieb. Niemand ruft an, ich habe meine Ruhe und kann mich konzentrieren. Wenn ich nächste Woche wieder vor Menschen stehe, die etwas von mir wissen wollen, dann nutzt mir möglicherweise genau diese Nachtarbeit. Was ich natürlich nicht wissen kann, vielleicht wollen die Damen und Herren Schulungsteilnehmer auch nur Standardwissen abrufen. Was eher selten der Fall ist…

Denn ich habe mit diesem Projekt ein Problem. Ich weiß viel über Software und deren Tücken, kenne mich mit Projektmanagement (darum geht es gerade) gut aus, aber diese spezielle Ausprägung des Themas (Planung und Steuerung von Bauprojekten) ist mir neu. Also habe ich vor Monaten schon HOAI, VOB und was es sonst noch gibt studiert und lerne derzeit unheimlich viel von meinen Trainerkollegen. Die sind alles erfahrene Architekten und Bauingenieure (ich nicht) mit Spezialwissen in den Belangen des Auftraggebers. Ich bin da wie ein Schwamm, sauge jede noch so kleine Information auf und verarbeite diese in mir zu einem Konglomerat aus Vermutungen, Halbwissen und Wissen. Und auch meine Schulungsteilnehmer liefern mir Input, den ich weiterverwenden kann.
Das alles nutzt allerdings nichts, wenn mir die Grundlagen fehlen. Deshalb sitze ich heute Nacht (wie manche andere Nächte auch) und tauche in die Tiefen der Software. Das ist die Stelle, wo ich anderen voraus sein kann, wo ich mit Wissen aufwarte, das kein anderer hat (außer den Entwicklern natürlich). Und wo meine Fähigkeit, komplexe Vorgänge nachvollziehbar darstellen zu können, am Besten zum Tragen kommt.
Dafür liebe ich meinen Beruf. Und dafür arbeite ich auch nachts. Und jetzt gehts weiter.

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