Linux und ich – Das Fazit

Wenn man das Fazit eines abgeschlossenen Projekts ziehen will, ist es hilfreich, sich an Gründe und Voraussetzungen zu erinnern. Im ersten Artikel dieser Serie stellte ich die Frage ob es möglich sei: »…alle meine gewohnten Arbeitsvorgänge mit einem, mir nicht ganz unbekannten, aber dennoch ungewohnten Betriebssystem auszuführen?« Und weiter: »Wie sehr muß ich mich umstellen? Was wird aus meinen geschäftlichen Dokumenten? Was aus meiner Buchhaltung? Wie verwalte ich meine Mails? Gibt es ein Programm, mit dem ich meine Bilder so bearbeiten kann, wie ich es haben will?«

Mein Linuxmac
Mein Linuxmac

Meine Fragen habe ich in den einzelnen Artikeln beantworten können. Aber was bedeuten diese Antworten z.B. für das Szenario eines möglichen Umstiege vom Mac auf ein Linux-System? Deshalb will ich die einzelnen Bereiche noch einmal kurz zusammenfassen.

Office/Buchhaltung/Internet/Mail
Ginge es nur um meine Arbeit wäre der Umstieg beschlossen. Denn diesen Bereich deckt Linux hervorragend ab. Angefangen von der problemlosen Hardware-Unterstützung für Scanner und Drucker bis zur Software. Ob LibreOffice, Scribus, LinHaBu (für die Buchhaltung) oder letztlich auch Evolution finde ich jede Menge Lösungen für meine geschäftlichen Aufgaben. Evolution hat ein paar kleine Macken bei der Einrichtung, ist danach aber eine sehr komfortable Anwendung für Mail, Kalender (inkl. CalDav/OpenXChange), Aufgaben und Notizen. Bei einer vorhandenen, klar strukturierten Datenorganisation steht reibungsloser Arbeit nichts im Wege. Genau das ist nach meiner Ansicht die Aufgabe eines Betriebssystems, mich bei der Arbeit zu unterstützen oder wenigstens nicht zu behindern.

CalDav-Kalender in Evolution
CalDav-Kalender in Evolution

Bildverwaltung und -bearbeitung/Kreatives Schreiben
Wie viele andere Menschen auch habe ich Hobbys, in die ich Zeit und Geld investiere weil sie mir Spaß machen. Ich fotografiere ebenso gern wie ich die Bilder nachbearbeite und wenn mir mal gar nichts anderes mehr einfällt, denke ich mir Geschichten aus und schreibe diese auf.
So nahm das Thema Bildverwaltung und -bearbeitung deshalb den größten Teil dieses Projektes ein, weil es a) unter Fotografen (Amateuren wie Profis) umstritten ist und b) die Messlatte für Linux durch meine Gewöhnung an Adobe Lightroom sehr hoch lag. Die reichlich vorhandenen RAW-Konverter für Linux machen Auswahl und Test auch nicht gerade einfacher, obwohl ich mich natürlich über diese Auswahl freue.
In meine nähere Wahl kämen Darktable als Open-Source-Projekt und Corel AfterShot Pro als kommerzielle Software. Beide benötigen jedoch reichlich Zeit für die Einarbeitung.
Inzwischen ist offenbar ein systemweites Farbmanagement für Linux möglich, diese Erkenntnis war eine der Überraschungen dieser Woche und ist ein deutliches Plus für das System.

Das mir fürs kreative Schreiben leider keine Alternative zu Ulysses zur Verfügung steht ist schade, sollte aber eigentlich den Schreibprozess nicht behindern. Schließlich habe ich etliche Jahre auch ohne Ulysses geschrieben.

Corel Entwicklung
Corel Entwicklung

Was ein System sonst noch »schick« macht
Wie gestern beschrieben bieten die heutigen Desktop-Linuxe jede Menge Software für die kleinen schönen Dinge des Lebens. Musik, Filme, Desktop-Themes, Datenorganisierer und etliches mehr sind reichlich vorhanden und sollten niemanden an einem eventuellen Umstieg hindern.
Das Thema Spiele habe ich nicht behandelt weil es mich nicht interessiert.

Eine Frage der Gewöhnung?
Ja. Sicher. Speziell im privaten Bereich wäre die Umstellung groß, aber mit Zeit und ausreichend Interesse machbar. Gerade wenn man, wie ich, vom doch sehr geschmeidigen MacOS X kommt ist Gewohnheit wahrscheinlich die größte Hürde für den Wechsel des Systems. Zwei Dinge werden aber letztlich den Ausschlag geben. Zum Einen befürchte ich, das die derzeitige Entwicklung bei Apple (Verschmelzung von iOS und MacOS, zunehmende Bindung an die Cloud, Schwerpunkt auf Gadgets statt Computer) weitergeht, was für mich die Beschneidung meiner Entscheidungsfreiheit zur Folge hätte. Zum Anderen steht im Laufe des nächsten Jahres neue Hardware an, der Mac ist jetzt sechs Jahre alt und nur mit viel Aufwand noch aufrüstbar. Und wenn ich schon Geld in die Hand nehme, dann für ein System das mich auf einige Jahre so unterstützt, wie ich das haben will.

Aussichten
Noch ein Gedanke lässt mich nicht los. Es steht natürlich jedem frei, sich staatlicher und kommerzieller Schnüffelei und Bevormundung unterzuordnen. Man kann aber auch versuchen andere Wege zu gehen. Dabei wäre ein Umstieg auf ein quelloffenes, von einer großen Entwicklergemeinde gepflegtes System kein schlechter Anfang. So bringt Evolution Mail z.B. die Möglichkeit mit, Mails relativ einfach zu verschlüsseln.
Doch der Anfang reicht nicht aus. Konsequenterweise sollte man dann auch über ein System wie OwnCloud auf einem NAS (o.ä.) zuhause nachdenken, und sich eine Alternative zu iPhone oder Android suchen. Die ersten Smartphones mit Ubuntu Phone OS oder FirefoxOS sind gerade erschienen und werden sich weiterentwickeln. Natürlich ist das alles kein 100%iger Schutz vor den Begehrlichkeiten von Staaten und Unternehmen. Auch besteht die Gefahr, das sich wieder ein eigener Kosmos von Abhängigkeiten (wahlweise von Ubuntu/Canonical oder Mozilla) entwickelt.
Dennoch werden wird sich jeder irgendwann entscheiden müssen. Und wenn es »nur« um das kleinere Übel geht.

Mein Home-Office
Mein Home-Office mit Linux

Zum Schluß
Ich danke allen die mich in dieser Woche begleitet und ermutigt haben. Seien es die vielen unbekannten Klicker und Leser, die Community meines liebsten Mac-Forums oder auch ein freundlicher Debian-Serverjockey mit seiner dezidierten Meinung.
Ihr alle habt mich darin bestärkt, das »Linux und ich« mehr als ein vorübergehendes Projekt ist. Ich werde meine Augen zukünftig stärker als bisher auf die aktuellen Entwicklungen der Desktop-Linuxe richten. Wohin auch immer mich das führen wird, ich habe derzeit ein gutes Gefühl dabei.

Bis bald in diesem Theater
Ralf

3 Kommentare



  1. wie ist der aktuelle stand zum thema?
    bist du inzwischen komplett, zteilweise oder gar nicht umgestiegen?
    gibt es jetzt langzeiterfahrungen und wie sind diese bisher?
    worauf sollte man achten, wenn man umsteigen will?

    Antworten

    1. Moin Detlef, sorry für die späte Freischaltung, ich war unterwegs.
      Ja, ich bin inzwischen umgestiegen und arbeite seit dem Frühjahr 2016 weitgehend auf Linux. Zu meinen bisherigen Erfahrungen mit dem Umstieg und dem BS folgt noch ein Artikel, sobald ich meine Entwurfshalde abgearbeitet habe. Ich bitte dich also um etwas Geduld.
      LG Ralf

      Antworten

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