Linux und ich – Das Projekt

»Linux und ich« ist ein Projekt in dem ich als alteingessener und verwöhnter Apple-User versuche, eine Woche lang ausschließlich mit Linux zu arbeiten. Also alle meine gewohnten Arbeitsvorgänge mit einem, mir nicht ganz unbekannten, aber dennoch ungewohnten Betriebssystem auszuführen.

Was soll das alles?
Kurz gesagt, will ich wissen, was ein Desktop-Linux inzwischen kann. Ist es möglich, meine Arbeit auch mit einem Linux-System statt Mac OS X oder (manchmal, gezwungenermaßen) Windows zu erledigen? Wie sehr muß ich mich umstellen? Was wird aus meinen geschäftlichen Dokumenten? Was aus meiner Buchhaltung? Wie verwalte ich meine Mails? Gibt es ein Programm, mit dem ich meine Bilder so bearbeiten kann, wie ich es haben will? Kann ich mit Linux twittern (was sich sehr gern tue)? Und die Foren, in denen ich mich rumtreibe, die sollten doch laufen, oder?
Diese und andere Fragen versuche ich innerhalb der nächsten sieben Tage zu beantworten.

Warum ich?

Ich arbeite seit 1986 mit Computern, seit den frühen 90er Jahren beruflich mit MacOS- und Windows-Rechnern. In dieser Zeit kam mir auch mein erstes Unix-System unter die Finger. Ein Siggraph-Satzsystem, das mit SGML arbeitete. In dieser Zeit habe ich die Grundlagen für spätere Webprojekte (HTML/CSS etc.) gelernt, von Unix selbst oder gar Linux war da noch keine Rede.
Die Neunziger waren auch die Zeit, in der man sich als Apple-Anwender einerseits auf der guten Seite der Macht wähnte und andererseits täglich zu Steve »God« Jobs betete um Apple nicht in der endgültigen Versenkung verschwinden zu sehen. Und ich war mit Herzblut dabei. Bill Gates war der Antichrist und jede Minute, die ich mit Windows (von 3.0 bis Win2000) verbringen musste, die Hölle.
Das ist lange her. Steve Jobs ist gestorben, trotz aller Gebete, und Apple produziert heutzutage mehr Spielzeug als Computer. Was mir an Apple immer gefallen hatte, die absolute Einheit von Hard- und Software, ist seit dem Umstieg auf Intel-Prozessoren leider nicht mehr gewährleistet. Jede neue OS-X-Version bringt neue Features (aktuell Photos als Nachfolger von iPhoto und Aperture), doch uralte Bugs werden nicht behoben (z.B. im Finder oder der WLAN-Anbindung). Kurz gesagt, Beziehungsstatus kompliziert.
All das (plus meine unersättliche Neugier) bringen mich auf Abschiedsgedanken. Und da Windows für mich keine Möglichkeit sein kann, will ich wissen, ob es nicht vielleicht anderswo Alternativen für mich gibt.

Linux Mint mit der Aktualisierungsverwaltung
Linux Mint mit der Aktualisierungsverwaltung

Vorbereitungen
Ich bin zum Glück in Sachen Linux nicht ganz unbeleckt. Nach der oben erwähnten Unix-Erfahrung habe ich 2004 meine ersten Linux-Versuche mit SuSe 8.0 unternommen. Einfach um zu wissen, was »die Anderen« so treiben. In den Jahren danach kamen weitere Ausflüge zu RedHat, Debian und Ubuntu dazu. Doch ich bin weder Programmierer noch Nerd genug um mit Kommandozeilen zu arbeiten oder Programmpakete selber zu kompilieren. Aber muß ich das wirklich tun?
Vor rund sechs Monaten entdeckte ich LinuxMint (ein Ubuntu-Derivat) und es gefiel mir auf Anhieb besser als meine vorherigen Versuche. Die Oberfläche hält sich an bekannte Konventionen, offenbar haben die Entwickler versucht, einem normalen Anwender wie mir das Arbeiten mit dem System so angenehm wie möglich zu machen. Dazu kommt eine mittlerweile recht breit gewordene Software-Palette. Ob die »inneren Werte« ebenfalls stimmen kann ich derzeit noch nicht beurteilen, auch deshalb gibt es dieses Experiment.
Natürlich nicht ohne die entsprechende Vorbereitung. Ich habe also darüber nachgedacht, was ich für mich brauche und welche Äquivalente es dafür gibt. Für meine Arbeit benötige ich diverse Online-Tools, bekomme Word- und Excel-Dokumente zur Nutzung und Bearbeitung und muß selbst viel schreiben bzw. Grafiken/Diagramme erstellen. Privat nutze ich meinen Rechner vorwiegend zum Schreiben und zur Bildbearbeitung.
Derzeit (auf dem Mac) arbeite ich mit Firefox und Apple Mail, dazu OpenOffice und Pages, inkl. diverser, von Auftragebern vorgegebener Schriftarten. Für meine Fotos (im DNG-Format) nutze ich Adobe Lightroom und Photoshop Elements. Dazu diverse Tools wie Transmit (FTP-Client), Smultron für HTML/CSS und Tweetdeck. Ein OpenXchange-kompatibler Kalender wird ebenso benötigt wie eine Buchführungssoftware. Und ob es eine Alternative zu Ulysses, meinem bevorzugten Programm fürs private Schreiben, gibt, muß ich noch herausfinden. Auch, wie sich LinuxMint beim Datenaustausch mit meinem Android-Tablet verhalten wird.
Insgesamt also durchaus eine Herausforderung für Linux und mich. Die nötigen Zugangsdaten, Dokumentvorlagen, Lesezeichen etc. zu sammeln und zu übertragen ist dabei der geringste Teil.
Ursprünglich hatte ich vor, Linux auf einem kleinen, älteren Netbook laufen zu lassen. Für wirkliches Arbeiten scheint mir das Gerät jedoch mit 512 MB RAM und 40 GB Festplatte etwas schwachbrüstig, daher habe ich mich entschieden, LinuxMint in einer virtuellen Maschine auf meinem Mac zu testen. So kann ich die modernere Hardware nutzen und notfalls schnell auf den Mac zurückgreifen.

Mein Linuxmac
Mein Linuxmac

Was wird daraus?
Ehrlich gesagt weiß ich das selbst noch nicht. Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Ich bin bereit mich auf eine neue Software-Welt einzulassen und dafür Arbeitsgewohnheiten zu verändern. Ich bin jedoch nicht bereit, schwerwiegende Behinderungen in der Usability bzw. in meiner Arbeitsweise hinzunehmen.
Auf jeden Fall wird es ein (möglichst tägliches) Protokoll des Experiments hier im Blog geben. Ich freue mich auf diese Woche. Tips, Tricks, Fragen und Anmerkungen dazu konnt ihr gern in den Kommentaren hinterlassen.
Auf gehts, »Linux und ich« startet morgen früh.

Weiter gehts hier:
Linux und ich – Tag1 Installation
Linux und ich – Tag2 Software
Linux und ich – Tag3 Arbeiten
Linux und ich – Tag4 Buchhaltung
Linux und ich – Tag5 – Bildbearbeitung Teil I
Linux und ich – Tag6 – Bildbearbeitung Teil II
Linux und ich – Tag7 – Bildbearbeitung Teil III
Linux und ich – Tag8 – Nützliche Audio-, Video- und Systemtools
Linux und ich – Das Fazit

4 thoughts on “Linux und ich – Das Projekt”

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