Von Orten und Flüssen

Weit über zwanzig Jahre hatte ich (mit Unterbrechungen) an einem Ort verbracht. Das ist eine Menge Lebenszeit und langsam begann mich zu fragen, ob ich dort noch weiterleben wollte. Es gab ein Gefühl, welches mich wegtrieb und ein anderes, das die Veränderung scheute. Und weil es manchmal so ist, entstand aus diesem Zwiespalt ein Gedicht. Dieses ging von der Frage aus was denn zu tun sei, wenn ich hierbleiben wolle.
Vor kurzem wurde ich gefragt, welcher Ort denn damit gemeint sei. Meine Antwort lautete, musste lauten; »Keiner«. Denn wenn aus einem Gefühl erst Gedanken und dann Worte werden, ist die Transformation des Gefühls so weit fortgeschritten, das es sich von seinem Ursprung weit entfernt hat.
Ich habe den Ort einige Zeit später tatsächlich verlassen. Lebensorte haben seitdem immernoch eine Bedeutung für mich, sie sind aber eher eine temporäre Erscheinung geworden. Vermutlich ist mein jetziger Lebensort auch nicht der letzte in meiner Zeit. Und wenn ich in mich hineinhöre ist das auch in Ordnung. Es gibt für mich keinen Ort, der mich festhält. Es gibt Wunschorte, an denen ich gern mal leben würde. Und Orte in die ich nicht freiwillig fahre. Fest verwurzelt sein kann ich mir nur sehr schwer vorstellen.
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Das ist für den Einen oder die Andere vermutlich schwer zu verstehen. Deshalb gehe ich im Folgenden näher darauf ein. Fangen wir an mit meinem

Geburtsort.

Den hat ja schließlich jeder. Auch ich natürlich. Aber ich kenne diesen Ort nicht. Ich weiß, wo das ist und kenne die Gegend ringsherum, mag diese sogar. Nur in dem Ort selber war ich seit den Tagen meiner Geburt nicht mehr. Der Ort interessiert mich auch nicht. Es mag daran liegen, das ich in einem Krankenhaus geboren wurde und meine Mutter abseits des Ortes wohnte. Mag sein. Dazu kommt, das ich für mich keinerlei Wurzeln in dieser Gegend finde. Wenige Monate nach meiner Geburt zog meine Familie rund 150 km weiter, daher bin ich in einer Gegend aufgewachsen in der ich nicht geboren bin.
Meine Eltern waren Flüchtlinge. Die Mutter aus Schlesien, der Vater aus Ostpreußen. Die Wellen des Krieges spülten beide nach Sachsen. Dort bin ich geboren, aber ist es deswegen meine Heimat? Eher nicht. Ich bin selten da, und wenn dann aus geschäftlichen Gründen oder landschaftlichem Interesse. Denn es ist schön dort, man kann gut Urlaub machen.
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Von Sachsen nach Brandenburg und weiter

Mit 15 zogen mich meine Eltern nach Brandenburg. Es war nicht meine Entscheidung, aber ich musste damit leben. Interessanterweise lebte ich mich schnell ein, viel schneller als der Rest meiner Familie. Ich erkundete die Stadt, natürlich zu Fuß, fand Schulkameraden und später Freunde und auch die eine oder andere Liebe begegnete mir. Und als ich meine Militärzeit in Mecklenburg verbrachte und zum ersten Mal mit dem norddeutschen Menschenschlag in Berührung kam, überlegte ich auch zum ersten Mal, meinen Lebensort zu verlassen. Ich tat es nicht, erlebte die brandenburgische Stadt aber von dieser Zeit an als Eine, die ich ab und an verlassen musste um dableiben zu können. So hat es mich zwischendurch nach Berlin (nie wieder!) und in den Schwarzwald (na ja…) gezogen um letztendlich doch wieder in Preußen zu landen. In den Sommern erkundete ich Europa, von Polen bis Irland und von Dänemark bis Italien. Nirgendwo wollte ich wirklich bleiben.
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Flüsse

Zeit meines Lebens habe ich an Flüssen verbracht. An der Elbe geboren, an der Oder aufgewachsen, habe ich mich über Spree und Main bis an den Rhein gelebt. Ich kenne Weser, Fulda und Isar, auch der Neckar ist mir nicht fremd. So gesehen sind die Flüsse die Orte meines Lebens und sie liebe ich wirklich. Meine frühen Kindheitserinnerungen handeln vom Spielen in und an Mandau und Neiße, beides sehr flache Flüsse. Durch die Mandau konnten wir waten, in der Neiße wäre das auch gegangen, aber sie war Grenzfluß und schwer bewacht. In den 80er- und 90er-Jahren ging es mir ähnlich mit der Oder. Auch sie war/ist ein Grenzfluß und von Anfang der 80er (Kriegsrecht in Polen) bis 2004 (Polens EU-Beitritt) sehr schwer bewacht. Und dennoch habe ich weit draußen im Fluß auf einem Buhnenkopf gesessen und dem Strom zugeschaut oder in einem Uferbusch meine Freundin geliebt. Flüsse scheren sich nicht um Grenzen, sie fließen einfach. Und manchmal, wenn es zuviel regnet erwachen sie zu gewaltigen Monstern. Und bleiben auch dann noch schön.
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Das Leben an Flüssen und das Nachdenken darüber hat mir auch manch andere Wahrheit geschenkt. Jeder Mensch hat einen Geburtsort. Wie ich oben schrieb, stimmt das nur bedingt. Und jeder Fluß hat eine Quelle. Stimmt auch nicht. Die Weser zum Beispiel entspringt nicht, sondern beginnt. Genauer gesagt beginnt sie am Zusammenfluss von Werra und Fulda in Hannoversch-Münden, ist dort ca. 25 Meter breit und rund 1,70 Meter tief. Zuviel für eine Quelle, oder? So hat sie also zwei Quellflüsse, aber keine Quelle. Fast so wie ich.
Über den badischen Rhein, die Oder und die Spree hat es mich an den Main und schließlich an den Niederrhein gespült. Doch meine Sehnsucht geht

Gen Norden

Ostfriesland, Bremen, Niedersachsen, Hamburg, Dithmarschen oder Nordfriesland. Festland, Insel oder Flußufer. Es ist mir eigentlich egal.
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Mich zieht es nach Norden. Der Menschen wegen. Die Rheinländer mögen lustig sein, sie sind aber auch oberflächlich. Die Nordmenschen, die ich bisher kennenlernen durfte, sind das nicht. Sie merken genau ob einer vom Sturm redet und nur laue Luft bläst. Und sie wissen genau, wenn einer Land und Grün und Fluß und Sturm liebt.
Vielleicht werde ich den Rest meiner Zeit im Norden verbringen. Wenigstens wünsche ich es mir.

Was vergessen? Jo!

Das Gedicht vom Anfang will ich euch nicht vorenthalten.

wenn du hierbleiben willst
suche die ufer
steig in das wasser
spüre den fluß
treibe das holz
mit dir an den strand

wenn du hierbleiben willst
lauf in die felder
sieh die reife
führe den schnitt
sage dem pflug
wie hungrig du bist

wenn du hierbleiben willst
schmecke die nebel
leg deine spuren
mitten durchs moor
folge dem wind
der weiß wo du wohnst

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