Polen Winter 2014/15

Diese Reise hat mich verändert. Nein, ich wollte dieses Jahr nicht nach Polen fahren. Ich wollte überhauptnicht mehr wegfahren. Weil ich zuviel gereist war in diesem Jahr und, vor allem, weil ich keine Lust auf Familie hatte. Keine Lust auf Weihnachtskerzen und Gänsebraten. Keine Lust auf eine Silvesterparty, die nicht vor fünf Uhr morgens enden würde.
Aber es kam anders.
Die polnische Freundin hat meine Unlust einfach ignoriert und Flüge gebucht. Auch das noch, fliegen! Klar, die Bahn hätte 14 Stunden gebraucht, aber es wäre allemal gemütlicher gewesen als in einer Sardinenbüchse 10.000 Meter über der Erde. Ich fliege äußerst ungern, die Enge, der Krach. Bahnfahren ist mir wesentlich lieber. Allein, alle Diskussionen waren vergebens, die Tickets bestellt und bezahlt.
Also flogen wir am 15. Dezember los in Richtung Freundin-Mama. Sie ist Jahrgang 1927, lebt allein in einer Wohnung ohne Internet und ist so fidel wie vital, das ich immer wieder ins Staunen komme. Sie ist es auch, die mich in ihrer einfachen, liebenswerten Art immer wieder mit meinem Unwillen versöhnt.

Freundin-Mama
Freundin-Mama

Sie wusste wann wir kommen, hatte Kuchen und Herbatka (Tee) aufgedeckt und freute sich einfach das wir da waren. Einer solchen Freude kann sich niemand entziehen. Der Abend verging mit Essen und Gespräch recht schnell, ich war zeitig im Bett und hatte nur noch eine Sorge. Wie komme ich zu einem bezahlbaren, funktionierenden Internetzugang?

Mobiles Netz in Polen

Diese letzte Sorge klärte sich am nächsten Tag. In einem Kaufhaus fanden wir sogenannte Starter-Pakete. Das sind Pre-Paid-SIM-Karten für die verschiedensten Nutzungen. Von »Nur-telefonieren« bis »Nur-Internet« findet sich in diesen Paketen alles was man sich wünschen kann, von allen großen polnischen Anbietern. Also kaufte ich für zehn Złoty (ca. 2,30 Euro) eine Karte mit angegebenen 500 MB Transfervolumen. Beim anschließenden Cafébesuch probierte ich die Karte aus, alles funktionierte. Nach ca. einer halben Stunde E-Mail & Twitter bekam ich allerdings die Meldung, das nur mehr 50 MB Volumen vorhanden seien und ich bald wieder aufladen solle. Ich wollte mich schon aufregen bis mir einfiel, was ich so zuhause beim ganz normalen täglichen Surfen verbrauche. Also investierte ich auf dem Nachhauseweg noch einmal in einem ganz normalen Kiosk 30 Złoty (ca. 7,50 Euro) und erhielt dafür 5 GB Transfervolumen, gültig für 30 Tage. Das sollte doch reichen bis zum 9. Januar, oder? Da ich mir dessen allerdings nicht sicher war, stellte ich mein Surfverhalten um (schaltete sozusagen in den Urlaubsmodus). Eine Stunde Internet/Tag musste einfach genug sein. Was soll ich sagen? Ich habe Mails geschrieben, Foren, Nachrichten und Twitter verfolgt, Bilder gepostet und bin mit dem Volumen ausgekommen. Und hatte dabei genügend Zeit, mich auf die Menschen und die Stadt um mich herum zu konzentrieren. Ich war angekommen.

Weihnachtscafé in Bydgoszcz
Weihnachtscafé in Bydgoszcz

Einkaufen und Spazieren gehen

Es war eines der wunderbarsten Erlebnisse in den ersten Urlaubstagen. Einkaufen mit Freundin-Mama. Weil wir einerseits beschlossen hatten, das ich in den nächsten knapp vier Wochen für uns drei kochen würde (um Mama zu entlasten) und andererseits die polnische Freundin keine Zeit hatte mitzukommen, ergab es sich das Mama und ich zusammen einkaufen gingen. Die Freundin freute sich derweil auf die Abenteuer, welche wir erleben würden…
Nun, es wurde zwar kein Abenteuer, aber auf jeden Fall lustig. Die Freundin-Mama spricht kein Deutsch und ich nur rudimentär Polnisch. Deshalb hatte ich mir von der Freundin vorher ein paar Übersetzungen geben lassen und aufgeschrieben. Ziemniaki z.B., das sind Kartoffeln, oder Cebulki/Zwiebeln, genauso wie Bodzek/Speck und natürlich Buracki, die Rote Bete. Daraus wollte ich einen Barszcz czerwony machen, eine Rote-Bete-Suppe, ein ebenso traditionelles wie heute noch beliebtes polnisches Gericht. Denn wenn ich schon kochen sollte und in Polen war, wollte ich dabei wenigstens etwas lernen.
Aber da Kochen mit Einkaufen anfängt, mussten Mama und ich erstmal die richtigen Sachen in den richtigen Mengen besorgen. Das sah dann ungefähr so aus. Wir stehen am Gemüsestand und ich sage: »Ziemnaki.« Die Verkäuferin nickt und fragt: »Ile?« Und schon gucke ich doof aus der Wäsche und Mama fragend an. Sie (und auch die Verkäuferin) merkt, das ich nichts verstanden habe und fragt mich: »Kilo?« Ich sage: »Nie.« und strecke meinen Zeigefinger erst ganz nach oben um ihn danach zur Hälfte zu krümmen. »Ah,« Mama nickt und sagt zur (ebenfalls nickenden Verkäuferin) »Pół Kilo« (halbes Kilo). Und lachend kaufen wir mit einem Pfund Kartoffeln im Beutel weiter ein. Unterwegs verständigen wir uns noch kurz über das Wetter. »Zimno?« »Tak, zimno.« (Kalt?, Ja, kalt). »Leje jak z cebra.« »Tak.« Vorsichtshalber und weil ich froh gestimmt war habe ich gelacht. Die Freundin erklärte mir hinterher, das »Leje jak z cebra.« »Es regnet Hunde und Katzen.« heißt. Da lag ich wohl instinktiv richtig.

Barszcz czerwony im Anfangsstadium
Barszcz czerwony im Anfangsstadium

Wenn wir nicht gerade einkauften, aßen oder im Internet surften gingen die polnische Freundin und ich in der Stadt spazieren. Das Wetter war leider nicht unser Freund in diesen Tagen, doch den einen und anderen Ausflug lies es dennoch zu. Am ersten Tag, als wir auf der Jagd nach den Starter-Paketen waren fuhren wir an einem Park vorbei, den ich mir später unbedingt noch ansehen wollte. Kurz vor Weihnachten fanden wir die Zeit dafür:

Winterbrunnen
Winterbrunnen

Parkbühne
Parkbühne

Philharmonie
Philharmonie

Wandbild
Wandbild

Heldenbrunnen
Heldenbrunnen

Es blieb nicht der einzige Ausflug. Doch zurück zum Essen.
In Polen hat Essen glücklicherweise noch eine völlig andere Bedeutung als hierzulande. Man isst gern in großen Runden, am liebsten natürlich in der Familie, aber auch im Restaurant. Essen bedeutet dann auch miteinander reden, Neues erfahren, alte Geschichten rauskramen und vor allem viel lachen. Die Nahrungsaufnahme geschieht eher nebenbei. Auch wenn die Qualität des Essens und der Köchin (oder des Kochs) ausführlich gelobt werden muß. So steht es im (ungeschriebenen aber allen bekannten) Gesetz der polnischen Gastfreundschaft. Und auf jeder Festivität gibt es nicht nur ein kaltes Buffet, sondern auch zwischen sieben Uhr abends und zwei Uhr morgens vier bis fünf servierte Gänge. Braten, kalte Platten und ganz viel Kuchen wechseln sich da gegenseitig ab. Kein Fest für deutsche Ernährungs-Frömmler. Aber so einer bin ich ja nicht. Womit wir bei Weihnachten wären.
Ein ganz normaler Weihnachtsabend auf dem Markt
Ein ganz normaler Weihnachtsabend auf dem Markt

Weihnachten

Es ist für mich schwer zu beschreiben, was Weihnachten in Polen bedeutet. Ich bin weder Christ noch jemand, dem seine Familie heilig ist. Eigentlich keine guten Voraussetzungen um Weihnachten im katholischsten Land Europas zu feiern. Aber, das interessiert die Polen einfach nicht. Es ist ihnen egal, woher du kommst und wer du bist. Sie feiern einfach und sind wahrhaft fröhlich. Und wenn du nicht mitmachen willst, oder dich nicht anstecken lässt, dein Problem. Die »Ansteckungsgefahr« ist jedoch sehr hoch. Ich konnte es nicht ablehnen, mit Mama die Oblate zu brechen und ihr Gutes zu wünschen. Und ich konnte mich dem Zauber der Kolęda nicht entziehen. Kolęda sind polnische Weihnachtslieder. Und etwas, was es in Deutschland nicht gibt. Ja, wir singen »Stille Nacht« (bzw.lassen singen) und »White Christmas« und »Jingle Bells«. Die Polen jedoch tauchen an Weihnachten in ein schier unerschöpfliches Reservoir eigener Lieder ein. Traurige wie fröhliche Lieder, auch »Stille Nacht« (Cicha Nocz), werden nicht nur vor dem Altar oder auf Bühnen gesungen, auch in den Familien ist es ganz normal diese Lieder zu singen. Lieder, die nur an Weihnachten gesungen werden und das Besondere dieser Zeit ausmachen. Hier ein Beispiel:

Man stelle sich dieses Lied in einer Kirche mit einer großen mitsingenden Gemeinde vor…

Und wieder spazieren gehen

Gerade an Weihnachten ist unendlich viel Zeit um rauszugehen. Das Wetter ließ uns (wie oben schon geschrieben) nicht viel Gelegenheit dazu, meistens stürmte es und manchmal schneite es auch. Doch andere Tage waren so ruhig, das wir unbedingt raus wollten und mit uns offenbar sämtliche Menschen der Stadt. Die klare Luft und die besondere Zeit zogen uns wohl alle auf die Straßen und Plätze. Wir sind bewußt im anbrechenden Abend losgegangen, weil ich fotografieren wollte und der Abend die beste Zeit dafür ist.

Abends an der Brda
Abends an der Brda

Opera Nova am Abend
Opera Nova am Abend

Neue Marina für Ruderer und Kanuten
Neue Marina für Ruderer und Kanuten

Weihnachtsmarktplatz
Weihnachtsmarktplatz

Silvester und andere Merkwürdigkeiten

Seit ein polnischer Fernsehsender vor etlichen Jahren auf die Idee kam, am Silvesterabend eine große Bühne mitten in Kraków aufzubauen und bekannte polnische Künstler zu einer Show einzuladen, nimmt diese Art des Silvesterfeierns zuweilen groteske und mancherorts auch schädliche Formen an. In Wrocław zum Beispiel stellen Denkmalsschützer jedes Jahr Anfang Januar neue Schäden an der altehrwürdigen Architektur fest, die durch die ausufernden Konzerte mit ihren schweren Basslinien verursacht sein könnten. Man muß das nicht mögen, bei den jungen Polen sind diese Feten allerdings sehr beliebt. Wir haben anders gefeiert.
Katarzyna, jene Freundin die ich hier schonmal erwähnte, hatte uns zu sich eingeladen. Und ich hatte mal wieder Angst vor einer ausufernden Party. Es wurde keine. Wir aßen und tranken und schwatzten, z.B. mit nach Deutschland ausgewanderten Freunden der Familie. Das war vor allem deshalb schön, weil ich einen Abend lang mal wieder Deutsch reden konnte und nicht in einer fremden Sprache radebrechen musste. Es war schön und es gibt keine Bilder von dem Abend, weil das nicht sein musste.
Die Zeit nach Neujahr ist in Polen wie auch hier eine eher ruhige. Während bei uns aber der erste Januar häufig der letzte Urlaubstag sein muß, geht die Weihnachtszeit in Polen traditionell erst am 6. Januar zu Ende. Der ist seit diesem Jahr auch offizieller Feiertag, so daß den Menschen eine Restzeit der Besinnung und des Nachdenkens über das neue Jahr verbleibt.

Ein Spaziergang in Ostromecko

Es war der vierte Januar, den sich Freundin Katarzyna ausgesucht hatte um uns nach Ostromecko einzuladen. Denn der zweite Januar (mein Geburtstag) war grau und trüb und regnerisch und bot somit keinen Grund, die Wohnung zu verlassen. Am vierten aber hatten wir Sonne satt und zogen los in eine alte, sehr schön angelegte Schloß- und Parkanlage. Davon hab ich ein paar Bilder mitgebracht:


Mein Fazit

Diese Polenreise hat mich verändert. Ich war in einer schwierigen wirtschaftlichen und persönlichen Lage hingefahren. Seit ich zurück bin hat sich diese Situation ein wenig verändert aber noch nicht wirklich verbessert. Doch ich bin anders geworden. Ich habe nach den Erlebnissen mit Mama und der Freundin und dem Land wieder ein bisschen Hoffnung, das 2015 doch noch das beste Jahr meines Lebens werden könnte. Darauf ein Żubr.
zubr2

31. Januar 2015

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