Schimpfen und Jubeln

Obengenannte Tätigkeiten sind wohl die beiden häufigsten Beschäftigungen von Fußballfans. Wenigstens im Stadion. Nein, ich meine nicht die paar Durchgeknallten, welche Pyro zünden und Plätze stürmen. Ich meine die mindestens 90% der Stadiongänger, die Woche für Woche mindestens 90% der deutschen Ligsspiele mit allen ihren Emotionen verfolgen. Schimpfen und Jubeln eben. Manchmal fällt das Jubeln aus, dafür wird dann um so heftiger geschimpft, meistens auf den Schiedsrichter, manchmal auch auf Trainer und Mannschaft. Und wenn man mal mehr jubeln darf als schimpfen, dann wird auch gern etwas länger gefeiert. Das ist normal auf deutschen Fußballplätzen, allen Medienberichten zum Trotz. Als langjähriger Stadiongänger von der ersten bis zur fünften Liga darf ich mir solch ein Urteil erlauben.

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Deshalb freute ich mich auch sehr, als mich vor ein paar Wochen ein lieber Freund ansprach, der mich gern einmal mit seinem siebenjährigen Sohn ins Stadion begleiten wollte. Also hab ich Karten besorgt und wir erlebten einen wunderbaren Nachmittag. Die beiden waren noch nie zusammen im Stadion und Papa meinte, es wäre mal an der Zeit, seinem Sohn zu zeigen was da passiert. Und wie es manchmal ist war es der Sohn, nennen wir ihn Tayfun, der zwei erwachsene Männer den ganzen Nachmittag auf Trab hielt und uns mit seiner ungehemmten Begeisterung ansteckte.

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Wir waren zu früh losgefahren und somit zwei Stunden vor dem Spiel vor Ort. Zwischen Bahnhof und Stadion liegen, für einen Erwachsenen, zehn Minuten Fußweg. Mit Tayfun dauerte der Weg (zum Glück) eine Stunde. Denn es ging durch den Stadtpark, oder um es als Siebenjähriger zu sehen, durch einen großen Abenteuerspielplatz. Keine Wiese, kein Baum und kein Klettergerüst waren vor ihm sicher. Als nicht-erziehen-dürfender Vater hat mir das großen Spaß gemacht. Tayfuns Papa meinte hinterher zu mir, ich hätte ein großes Talent für Kinder, aber ich sollte doch froh sein, so einen Wirbelwind nicht jeden Tag um mich zu haben. Das mag stimmen, ich hätte es dennoch gern ausprobiert.

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Aber zurück ins Stadion. Ich hatte bewußt ein Spiel ausgewählt bei dem mit keiner großen Polizeipräsenz zu rechnen war. Also keine Kampfmonturen, keine finsteren Gesichter, keine überdimensionierten Scheinwerfer im Stadtpark. Das, so dachten Tayfuns Papa und ich, wird er noch früh genug kennenlernen. Wir wollten ihm einfach ermöglichen, Spaß daran zu haben, in ein Fußballstadion zu gehen. Ich glaube, es hat funktioniert. Tayfun war begeistert von den Dimensionen des Stadions, das nicht mal ein wirklich großes ist, aber aus einmeterzwanzig Sichthöhe sieht vieles groß aus. Und schließlich im Oberrang, nahe der Fankurve, da wurde er (vielleicht) zum Fußballfan.

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Er schrie und tobte wir wir alle, und hatte dennoch seine ganz eigene Sicht. Während wir alle auf das Spielgeschehen in der anderen Hälfte schauten, schubste Tayfun aufgeregt seinen Papa an und rief, auf den Strafraum unter uns zeigend: »Guck mal, der Torwart popelt in der Nase!« Soll man ja schließlich nicht, auch wenn man grad nichts zu tun hat…. Ach ja, das ich mich jung gefühlt habe an diesem Nachmittag muß ich wohl nicht extra erwähnen.

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Aber eines noch was mich fasziniert hat. Tayfuns Vater ist in Istanbul geboren, seine Mutter in Düsseldorf. Der Junge wächst zweisprachig auf und ich finde es toll, in welcher Geschwindigkeit der Kleine die Sprachen wechseln kann ohne den Überblick zu verlieren. Unsereins, der mühsam eine Fremdsprache gelernt hat, kann da nur staunen.
Tayfun hat sich, nach eigenem Bekunden, noch nicht entschieden welchen der Fußballer in unserer Mannschaft er besser findet. Hakan, den Freistoßexperten oder Ömer, den Abwehrrecken. Karim, den Sprinter, findet er auch toll. Er wird, das hat er versprochen, erstmal auf der Playstation probieren wer der Beste ist. Beim nächsten Stadionbesuch weiß ich es vielleicht genauer.

p.s.: Diesmal haben wir kräftig gejubelt. Das Schimpfen sparen wir uns noch etwas auf.

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